„Das Bergische RheinLand erfährt eine neue Wertschätzung“

Prof. Dr. Rolf Kuhn
Prof. Dr. Rolf Kuhn ist Mitglied des Fachbeirats der REGIONALE 2025 Agentur GmbH. Fotonachweis: Peter Jähnel

Prof. Dr. Rolf Kuhn hat als Geschäftsführer die Internationale Bauausstellung Fürst-Pückler-Land von 2000 bis 2010 in der Lausitz geleitet und war zuvor von 1987 bis 1998 Direktor des Bauhauses in Dessau. Er berät als Mitglied des Fachbeirats die REGIONALE 2025 Agentur und unterstützt mit seiner langjährigen Expertise die (infra-)strukturellen Prozesse des Landesstrukturprogramms. Im Interview spricht er über die Signalwirkung von Projekten, Chancen in Zeiten von Corona und warum eine REGIONALE Mut und Fantasie verlangt.

 

Herr Prof. Kuhn, Sie haben erfolgreich die Internationale Bauausstellung in der Lausitz verantwortet. Die IBA See hat als ein Sonderformat für die Regionalentwicklung über zehn Jahre viele konkrete Projekte hervorgebracht. Seit 2005 begleiten Sie die Region Köln/Bonn, zunächst im Fachbeirat der REGIONALE 2010 und nun auch als Mitglied des Fachbeirats der REGIONALE 2025 Bergisches RheinLand. Worin bestehen die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen einer IBA und einer REGIONALE?

Internationale Bauausstellungen haben in Deutschland eine über 100-jährige Tradition. Mit ihnen sollte im Maßstab 1:1 eine neue Qualität, eine neue Auffassung, ein neuer Trend des Bauens und Gestaltens gezeigt und propagiert werden. Die Weißenhofsiedlung der 1920er Jahre in Stuttgart oder das Hansaviertel der 1950er Jahre in Westberlin sind dafür typische Beispiele. Mit der IBA Emscher Park im Ruhrgebiet wurde dieses Prinzip erstmalig auf eine ganze Region, vor allem auf die Sanierung, Neunutzung und Neugestaltung nicht mehr gebrauchter Altindustrieareale und entwerteter Landschaftsteile übertragen. Davon lernend, versuchte die IBA-Fürst-Pückler-Land in der Lausitz neue Maßstäbe bei der Gestaltung einer völlig neuen Landschaft nach dem Braunkohletagebau zu setzen. Sie sollte zeigen, dass eine großflächig zerstörte Landschaft eine neue Identität und Anziehungskraft gewinnen kann, wenn sie die vergangene Kultur mit einer neuen und für sie entwickelten Kultur verbindet. Das ist gelungen, die IBA hat der Region ein neues Gesicht und ein besseres Image als das der vormaligen Landschaft gegeben.

REGIONALEN sind in NRW aus den positiven Erfahrungen der IBA Emscher Park entstanden. Sie sind weniger dramatisch, wollen nicht der ganzen Welt neue erfolgreiche Wege zeigen. Sie beschäftigen sich eher mit dem ambitionierten „Normalfall“ regionaler Entwicklung. Sie wollen verschüttete Qualitäten, Kooperationsmöglichkeiten, Synergieeffekte aufspüren und deren Erfolgsaussichten beispielhaft darstellen. Und sie wollen über den Alltagstrott hinausgehende Ziele formulieren, für die bisher der Mut oder die Fantasie fehlte. Dafür brauchen REGIONALEN wie die IBAs ein kreatives, möglichst unabhängiges Team voller Leidenschaft, das für eine begrenzte Zeit auch scheinbar Unmögliches formulieren und probieren darf. Dabei gilt es, internationales Wissen mit regionalen Akteuren zu verbinden.  

 

Die REGIONALE 2025 ist nun aus der Startphase heraus und geht in einen „Regelbetrieb“ über. Wie bewerten Sie den jetzt erreichten Sachstand, insbesondere mit Blick auf die gesetzten Handlungsfelder?

Die Handlungsfelder wurden in einem sehr anspruchsvollen Analyseprozess unter Einbindung der Akteure vor Ort wie auch internationaler Experten entwickelt und in mehreren Diskussionsrunden geschärft. Dabei wurde für das Handlungsfeld Wohnen und Leben der Schwerpunkt auf den Umbau/die Konversion der Bestände gelegt, womit Dorfkerne, ganze Quartiere und auch Einzelgebäude gemeint sind und die Mitte gegenüber dem Rand gestärkt wird. Die Fluss- und Talsperrenlandschaft prägt den Raum und vereint höchst aktuelle Themen wie Klimawandel, Wasserangebot und Wasserqualität. Auch aus diesem Grund kommt planerischen Vorgaben für die Wasserflächen, ihrer Nutzung und der Lenkung der Besucherströme eine besondere Bedeutung zu.

Die beiden genannten Handlungsfelder sind sehr stark mit dem Thema Mobilität verbunden, denn hier ergeben sich Schnittflächen im Bereich der Arbeits- und Naherholungsangebote zwischen Rheinschiene und Bergischem RheinLand. Dabei geht es um die Verbesserung öffentlicher Verkehrsangebote und neuer Antriebstechniken, für die Modell- und Testkorridore eingerichtet werden sollen. Das Handlungsfeld Ressourcenlandschaft beschäftigt sich mit dem Entdecken noch unbekannter oder unterbewerteter Ressourcen sowie um die Vernetzung von Ressourcenfeldern. Hier hat der Projektraum große Potenziale. An dieser Stelle könnten sich durchaus Anschlüsse an das Handlungsfeld Arbeit und Innovation ergeben, das zum Ziel hat, das Bergische RheinLand als Ausbildungslandschaft zu stärken, neue Arbeitsfelder zu erschließen und entsprechende Qualifikationen für das notwendige Fachpersonal zu vermitteln. Das Handlungsfeld Gesundheit fokussiert hingegen die soziale Kommunikation oder die Neubewertung von ehemaligen Standorten der Sommerfrische – ein Bereich, in dem das Bergische RheinLand eine lange Tradition aufweisen kann und sich eine Schnittstelle zum Kernthema Umbau und Konversion ergibt. 

Diese umfassende und tiefgründige Bestimmung war wichtig, um die REGIONALE inhaltlich noch klarer aufzustellen. Damit befindet sich die REGIONALE auf einem guten Stand, um von hier aus weiterzuarbeiten. Ein großer Vorteil ist, dass in der Kommunikation der Handlungsfelder gegenüber den einzelnen Zielgruppen Klarheit herrscht. Der nächste Schritt ist nun, die Handlungsfelder mit Beispielen zu hinterlegen und sichtbarer zu machen, um Projektträger zum zielgerichteten Handeln anzuregen.      

   

Die zwei Hauptthemenstränge „Konversion/Transformation von Beständen bzw. Bestehendem“ und „Ressourcen“ sind die inhaltlichen „Speerspitzen“ der REGIONALE 2025. Welche Chancen sehen Sie für das Bergische RheinLand speziell im Verhältnis hierzu?

Corona hat gezeigt (und zeigt immer noch), wie anfällig Ballungsräume in Krisensituationen sind. Plötzlich werden für selbstverständlich gehaltene Dinge wie frische Luft, Grün- und Freiräume in der Wohnumgebung und „mit Abstand zu anderen unterwegs sein können“ in ihrem Wert erkannt und geschätzt. Dies wird als Erfahrung auch nach überwundener Corona-Pandemie noch lange in unserem Gedächtnis bleiben. Das Bergische RheinLand bekommt gerade jetzt gegenüber den Ballungsräumen am Rhein einen neuen, höheren Stellenwert. Das wirkt sich auch auf seine Ressourcennutzung positiv aus. Was die Ressourcen Wasser und Wald betrifft, wäre das aufgrund der Klima- und Nachhaltigkeitsziele sowie der zunehmenden Rohstoffknappheit auch ohne die Corona-Erfahrung leicht erklärbar gewesen. Jetzt bieten sich aber ebenfalls die Chancen, brach liegende Areale in neue Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten zu transformieren. Die Möglichkeiten des Homeoffice unterstützen diesen Prozess, den Wohnort und/oder den Arbeitsplatz aus dem Ballungsraum in den eher ländlich geprägten Raum des Bergischen RheinLands zu verlagern. In diesem Zusammenhang bekommen auch Badestellen, Ferienhaussiedlungen, Campingplätze an den Talsperren und Flussläufen für die Sommerfrische, modernisierungsbedürftige Gastronomien, Ausflugslokale oder Kur- und Erholungsheime eine zweite Chance.  

 

Aus Ihrer Erfahrung des Verlaufs der Internationalen Bauausstellung in Ihrer Region: Was gilt es jetzt für die nächste Phase besonders zu beachten?

Es war richtig, dass die REGIONALE 2025 in ihrer ersten Phase sehr analytisch vorgegangen ist und im ernsthaften Diskurs mit vielen Gremien unterschiedlicher Zusammensetzung, die Ziele, Handlungsfelder, die Struktur und den Verlauf der REGIONALE Bergisches RheinLand bestimmt hat.

Erst mit diesem sicheren Fundament kann man überzeugende Kommunikationsarbeit leisten. Diese kann nach der bewusst sehr ernsthaften, eher technisch-organisatorisch orientierten ersten Phase nun auch überraschend, witzig und originell sein. Noch wichtiger ist jedoch, dass jetzt die ersten konkreten Projekte auf den Weg gebracht werden, so dass die Bewohner des Bergischen RheinLandes den Nutzen der REGIONALE spüren und die Projekte vor Ort anfassbar werden. Es ist auch wichtig, dass mit den zuerst realisierten Projekten die richtigen Signale gesendet und Zeichen gesetzt werden. Es gilt, anhand dieser Projekte die Kernthemen herauszustellen.

Als Beispiele kann ich für unsere IBA in der Lausitz das Besucherbergwerk (Förderbrücke F60) und das Informations- und Ausstellungszentrum IBA-Terrassen anführen. Erst mit diesen beiden realisierten Projekten bekam die IBA für die Bevölkerung ein Gesicht, erkannte man ihren  

Nutzen und spürte, dass die IBA nach ihren Worten und Bildern auch Taten folgen ließ. Mit der F60 wurde gezeigt, wie ein nicht mehr benötigtes Industrieobjekt mit einer geschickten Umwandlung zur Attraktivität und Anziehungskraft der Region beitragen kann. Mit den IBA-Terrassen am Rande einer Tagebaugrube, dem späteren See, wurde der gleiche Effekt mit moderner Architektur erzielt. Wichtig war, dass damit die Hauptmerkmale einer neuen Identität und eines neuen Stolzes mit historischen und modernen Mitteln demonstriert wurden. 

 

Ein Blick voraus in das Jahr 2025: Wann würden Sie dem Strukturprogramm REGIONALE 2025 ein „Gelungen“ attestieren?

Gelungen wäre die REGIONALE 2025 für mich, wenn man an ihren abgeschlossenen oder in der Entwicklung befindlichen Projekten ohne viel Erklärung die Leitidee der REGIONALE „Das Beste aus beiden Welten“, also die zukunftsorientierte Verbindung zwischen der urbanen Rheinschiene und dem eher ländlich geprägten Raum, erkennen kann. Die REGIONALE 2025 hat ihren Zweck erfüllt, wenn für die Bewohner und Betrachter des Bergischen RheinLandes die Attraktivität und Anziehungskraft dieses Raumes spürbar gestiegen ist. Das Ziel ist ja, im Rahmen der REGIONALE die Ressourcen und Schätze dieses Raumes sichtbarer und nutzbarer zu machen und damit erkennbare Verbesserungen und Zukunftssicherungen des Bergischen RheinLandes zu erreichen. So rufen sie für die BewohnerInnen in diesem Raum mehr Selbstbewusstsein und Stolz für ihre Region hervor. Gleichzeitig wird die Neugierde und das Interesse von Besuchern, Nachbarn und Menschen mit Umzugsplänen aus anderen Regionen geweckt. Eine zusätzliche Bestätigung für das „Gelingen“ würde ich darin sehen, dass andere Regionen aus Nordrhein-Westfalen, Deutschland oder darüber hinaus erkunden, mit welchen Methoden und Mitteln das Bergische RheinLand diesen – auch für die Region selbst erkennbaren – Erfolg erreicht hat.

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