Den Unterschied zur Metropole schärfen

Dr. Martin Stankowski
Dr. Martin Stankowski ist Mitglied des Fachbeirats der REGIONALE 2025 Agentur GmbH. Fotonachweis: privat

Dr. Martin Stankowski ist Journalist, Autor, Stadtbilderklärer – und Kölner. Seit 2020 berät er als Mitglied des Fachbeirats die REGIONALE 2025 Agentur und beobachtet sie vor allem unter publizistischen und öffentlichkeitswirksamen Gesichtspunkten. Im Interview entwickelt der gebürtige Sauerländer ungewöhnliche Projektideen, setzt die Profilstärke des Bergischen RheinLandes in Beziehung zur Topgrafie und sagt, warum sich die Kölner endlich auf die andere Rheinseite trauen sollen.


Sie sind gebürtiger Sauerländer, wohnen aber schon seit sehr langer Zeit in Köln. Das Bergische RheinLand liegt zwischen Ihren beiden Heimaten. Was kennzeichnet den Projektraum?
Es gibt eine wunderbare Definition von Heimat: „Heimat ist da, wo ich begraben werden will“. Insofern ist meine Heimat Köln, aber das Sauerland beziehungsweise Meschede ist der Ort, an dem ich geboren bin. Das ist meine Herkunft. Und zwischen diesen beiden Heimaten liegt das Bergische Land. Das ist für mich das Spezielle am Projektraum.  

Als Kölner kennen Sie auch den rechtsrheinischen Raum. Was hat Sie am Bergischen RheinLand überrascht und was gefällt Ihnen besonders gut?
Erstens die Fülle von Natur. Von Köln her gesehen ist das quasi das Vorfeld des Sauerlandes. Zweitens das Angebot zur Entschleunigung bei den Menschen und in der Landschaft selbst. Drittens hat mich überrascht, welche Rolle doch die Stadtkerne und die Mittelpunkte der Orte spielen – es ist ja kein Zufall, dass die "Theorie der dritten Orte", die ein Soziologe definiert hat, gerade im Bergischen verstärkt angewandt oder umgesetzt werden soll. Dazu die bemerkenswerte Kombination von wissenschaftlicher Durchdringung und praktischer Forschung. Fähigkeiten und Themen, die durch die Hochschulen mit ihren unterschiedlichen Abteilungen im Bergischen abgedeckt werden, sind beeindruckend. Und besonders überrascht hat mich schließlich die Umsetzungsgeschwindigkeit, die zum Teil von den Verwaltungen im Bergischen RheinLand an den Tag gelegt wird. Da hätte selbst Köln bisweilen noch zu lernen.  

Die REGIONALE 2025 ist ein gemeinschaftlicher Prozess, der sich über mehrere Jahre erstreckt. Bis zum Zieljahr 2025 dauert es noch etwas. Wo steht die REGIONALE 2025 aktuell?
Sie ist mit ihren Schwerpunkten gut ausgerichtet. Aktuell geht es noch um die thematische Schärfung in den einzelnen Handlungsfeldern. Die Vorsorge in Bezug auf die Klimafrage wird eine bedeutende Rolle spielen. Egal ob das Landschaft, Wasser, Boden, Wald oder Hitze ist – durch die Brände Ende April im Oberbergischen sind wir ja noch mal eindrücklich auf die Problematik hingewiesen worden. Das Andere ist die Betonung der Ortskernstärkung, vorbildlich die Umnutzung von Konversionsobjekten. Das Dritte – und das finde ich gerade in der Reflexion über die Corona-Zeit interessant – die Stärkung der Selbsthilfekräfte, die sich vor Ort zeigen. In vielen Bereichen haben sich selbstorganisierte Gruppen, Projekte und Initiativen entwickelt, die unmittelbar interveniert und geholfen haben. Das ist eine großartige Sache, insbesondere wenn wir über Daseinsvorsorge und Begegnung sprechen. Jetzt gilt es, diesen Initiativen zu helfen und ihre Impulse am Leben zu halten. Das ist eine wichtige Aufgabe im Rahmen der REGIONALE 2025.  

Welche Potenziale besitzt das Bergische RheinLand?
Wenn man sich die Topografie anschaut, dann könnte man das Ganze ja auch umdrehen und nicht vom Bergischen RheinLand sondern vom Rheinischen BergLand sprechen. Das vermittelt schon sehr deutlich, was die Profilstärke ausmacht: natürlich die Berge, dann das Wasser, die Natur, die Wälder und damit verbunden die Frage der Ressourcen. Aber man sollte auch nicht die hocheffiziente und komplexe Produktionsszene im Bergischen RheinLand unterschätzen. Da findet sich eine bemerkenswerte Breite von Unternehmen, Themen und Produkten. Das fängt bei der kleinen Kaffeerösterei an, geht über innovative Startups zu starken mittelständischen Handwerksbetrieben bis hin zu echten Global Playern. Im Bergischen RheinLand gibt es – übrigens ähnlich wie im benachbarten Südwestfalen – eine sehr hohe Wertschöpfungsrealität.   

Welche kommunikativen Herausforderungen und Chancen bietet die REGIONALE 2025?
Zugespitzt liegt die Chance darin, den Unterschied zu den Zentren bzw. Metropolen an der Rheinschiene herauszuarbeiten. Wir haben in Köln zum Beispiel einen Fokus auf Verwaltungshandeln, das sich auf Komplexität beruft, aber im Grunde durch mangelhafte Hierarchien und ausufernde Bürokratien definiert ist. Das bei der REGIONALE 2025 anders zu machen und neu zu definieren, ist eine Chance. Wenn man von dem "Besten aus beiden Welten“ spricht, also die Vorzüge der Metropolenwelt am Rhein mit der natürlichen Realität im Bergischen zusammenbringen will, dann muss man auch die Unterschiede schärfen. Metropolen definieren sich ja nicht nur durch ihre Kerne, sondern vor allem auch durch ihr Umfeld und das ist hier und heute das Bergische RheinLand. Dieser Zusammenhang muss kommunikativ immer wieder klar gemacht werden. Gerade bei den Kölnern, übrigens auch bei den Bonnern, die sich doch glücklich schätzen sollen, auf die andere Rheinseite "eingeladen" zu werden. Von Adenauer wird ja kolportiert, er habe schon auf der Hohenzollernbrücke die Abteilfenster geschlossen auf dem Weg nach Berlin, denn für ihn begann "in Deutz der Bolschewismus und hinter Gummersbach die Walachei"(lacht). Dieses Vorurteil kann man im positiven Sinne bestätigen, indem man sagt: Geht doch rüber, kommt doch auf die andere Seite, lebt euch dort aus und genießt die vielen Vorzüge. Das ist Chance und das ist Herausforderung.  

Welche Themen der REGIONALE 2025 sind besonders geeignet, um die Menschen für das Bergische RheinLand zu begeistern?
Die zwei zentralen Themen sind „Entschleunigung“ und „Klimavorsorge“. Das Bergische RheinLand hat die Chance – und dafür lassen sich die Menschen auch begeistern – zu experimentieren. Etwa das Projekt „On-Demand vs. Ortsbus in Neunkirchen-Seelscheid“. Das ist ein Mobilitätsexperiment. In der Fläche so etwas auszuprobieren und den Großstädten vorzumachen, wie das gehen könnte, das ist eine Chance. Ein anderes Beispiel - und das wäre ebenso mutig wie realistisch - wäre die A4 mit einer eigenen Busspur zu belegen, also eine der Autospuren vollständig für einen Schnellbus zu nutzen. Wenn man in Gummersbach oder Wiehl in den Bus ein- und 30 Minuten später am Kölner Neumarkt aussteigt, das wäre doch genial. Solche ungewöhnlichen Maßnahmen, auch wenn sie zunächst lokal sind, signalisieren auf jeden Fall hohe Aufmerksamkeit.  

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Wie wird sich die Bekanntheit und Beliebtheit des Bergischen RheinLandes bei den Großstädten am Rhein in den nächsten fünf Jahren entwickeln?
Zur Beliebtheit müssen weder das Bergische Land noch die Städte am Rhein etwas beitragen. Es handelt sich bis zu einem gewissen Grad um einen selbstverständlichen Prozess. Denn in dem Maße, wie sich das Klima verändert – und das wird es – und die Bedingungen extremer werden, wird die Beliebtheit des Bergischen steigen. Die großen Themen wie Wald, Natur oder Wasser spielen zunehmend eine wichtigere Rolle. Für die Beliebtheit und Bekanntheit kommt es zudem darauf an, inwieweit die REGIONALE 2025 und auch die Kommunen im Bergischen RheinLand Experimente wagen. Nur mal zwei kleine, aber relevante Beispiele: temporäre Straußenwirtschaften an besonderen Orten eröffnen oder Konzerte in Konversionsobjekten veranstalten. Das bringt Aufmerksamkeit und macht neugierig.  

Welche Schlagzeile würden Sie gerne im Jahr 2025 über die REGIONALE in der Zeitung lesen?
Wenn am Ende der REGIONALE nicht mehr vom Bergischen RheinLand, sondern vom Rheinischen BergLand gesprochen wird. 

Interview: Sascha Gebhardt

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