„Das Bergische RheinLand braucht einen Paradigmenwechsel in der Siedlungsentwicklung“

Prof. Dr. Bernd Scholl
Prof. Dr. Bernd Scholl ist Mitglied des Fachbeirats der REGIONALE 2025. Fotonachweis: ETH Zürich

Dr. Bernd Scholl, Professor (em.) für Raumentwicklung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, und Achim Dahlheimer, ehemaliger Gruppen- und Referatsleiter im Bauministerium Nordrhein-Westfalen, beraten als Mitglieder des Fachbeirats die REGIONALE 2025 Agentur zu regionalen Transformations- und Konversionsprozessen. Im Interview sprechen sie über die Bedeutung von bezahlbarem Wohnraum für das Bergische RheinLand und warum moderne Stadtentwicklung untrennbar mit neuen Mobilitätsansätzen verbunden ist.    

Herr Prof. Dr. Scholl, Sie sind emeritierter Professor für Raumentwicklung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und haben viele Planungsprozesse in Deutschland, aber vor allem auch in der Region Köln/Bonn begleitet. Sie unterstützen nun auch die REGIONALE 2025 Agentur als Mitglied des Fachbeirats und beraten seitdem die inhaltliche und programmatische Entwicklung des Landesstrukturprogramms. Wo steht die REGIONALE 2025 aktuell?

Prof. Dr. Bernd Scholl: Die REGIONALE ist zunächst ein Format, an dem man wunderbar sehen kann, wie über einen gewissen Zeitraum die Fragestellungen, die Lösungsansätze, und die Ideen für den Projektraum schrittweise diskutiert und besprochen werden. Im Laufe dieses Prozesses wird vieles klarer, als es zu Beginn der Planung war. Die REGIONALE 2025 hat mittlerweile ihr thematisches Profil geschärft und kann deutlich benennen, welche Projekte vielversprechend sind und einen Beitrag für die Zukunft der Region leisten können. Hinzu kommt, dass sich die Akteure bereits aus anderen Zusammenhängen kennen. Es besteht eine persönliche Vertrauensbasis, die gerade in so außergewöhnlichen Situationen wie jetzt wichtig ist, um gut zusammenzuarbeiten. Das ist für den weiteren Verlauf der REGIONALE 2025 entscheidend. Ein weiteres Element sind die Strategiepapiere, die zu Beginn des nächsten Jahres vorliegen werden. Diese setzen in den verschiedenen Handlungsfeldern Schwerpunkte und zeigen klar auf, welche Kriterien ein Projekt erfüllen muss, aber auch welche Projektideen im Rahmen der REGIONALE keine Chancen haben. Damit bilden die Strategiepapiere ein sehr gutes Fundament für den weiteren Prozess.  

Herr Dahlheimer, als ehemaliger Gruppen- und Referatsleiter im NRW-Bauministerium waren Sie für viele REGIONALEN und für Wohnungsbau in ganz NRW unmittelbar zuständig. Daher kennen Sie das Bergische RheinLand sehr gut. Was macht den Projektraum besonders in NRW aus – aktuell, auch im Vergleich zur vorherigen REGIONALE?

Achim Dahlheimer: Der Projektraum ist klein, insofern ist die Größe der REGIONALE 2025 vergleichbar mit der REGIONALE im Bergischen Städtedreieck. Der Unterschied ist allerdings, dass es sich hier nicht um drei ineinander übergehende Städte handelt. Vielmehr ist das Bergische RheinLand ein vitaler Raum, in dem es sich naturverbunden und nah am Wasser leben lässt, ohne auf gesellschaftliche Teilhabe verzichten zu müssen. Man kann sich auch jenseits der eigenen vier Wände erholen oder sich zurückziehen, ohne erst längere Fahrtzeiten in Kauf nehmen zu müssen, weil Wald und Talsperren quasi vor der Haustür liegen. Aus meiner Erfahrung kann ich außerdem eines klar festhalten: Es gab in Nordrhein-Westfalen bisher noch keine REGIONALE, die zu einem so frühen Zeitpunkt inhaltlich, strukturell und bei den Projekten so weit fortgeschritten war, wie es die REGIONALE 2025 Bergisches RheinLand ist. Das liegt daran, dass hier ein Team von REGIONALE-erfahrenen sowie neuen, jungen Kolleginnen und Kollegen, auch in den Kreisen und Kommunen, zusammenarbeitet. Diese Mischung ist ideal, weil ein Erfahrungstransfer erfolgt, den andere REGIONALEN so nicht hatten. Das ist ein großer Unterschied, von dem der Projektraum profitiert.  

Das Handlungsfeld „Wohnen und Leben“ bildet einen Schwerpunkt der REGIONALE 2025. Warum ist es von so großer Bedeutung für das Bergische RheinLand?

Dahlheimer: Ich halte es im Bergischen RheinLand für ungeheuer wichtig, neue und attraktive Wohnangebote zu schaffen, um Menschen für das Leben in diesem Raum zu begeistern. Gerade Städte und Gemeinden, die in ihren Einwohnerzahlen stagnieren oder sogar schrumpfen, können mit städtebaulich überzeugenden Konzepten eine neue Dynamik erzeugen. Für das Bergische RheinLand geht es dabei auch um eine klare Profilschärfung. Konkret bedeutet das, Mehrgenerationenquartiere mit einem höheren Anteil an bezahlbaren Mietwohnungen, hoher Aufenthaltsqualität und entsprechender baukultureller Ausstrahlung zu etablieren, die sich vom konventionellen Wohnungsbau unterscheiden. Monotone Wohnviertel mit Flachdach, glatten Fassaden, hoher Versiegelung und zu wenig Grün sind nicht mehr zeitgemäß. Kommunen müssen daher entsprechende Konzeptvorgaben machen und klar benennen, was sie von einem neuen Quartier erwarten. Damit setzen sie ein deutliches Ausrufezeichen für gutes Wohnen und hohe Lebensqualität im Raum. Hierbei kann ihnen die REGIONALE die Hand reichen und Hilfestellungen bieten.



Kennt sich mit REGIONALE aus: Fachbeirat Achim Dahlheimer. Fotonachweis: privat

Die Kreise und Kommunen im Bergischen RheinLand stehen vor großen Umbauaufgaben. Welche Rolle spielt dabei die Transformation von Bestandsflächen und -gebäuden?

Scholl: Das ist aus meiner Sicht eine ganz zentrale Aufgabe, weil es ja darum geht, die weitere Ausdehnung der Siedlungsflächen zu begrenzen. Konversion und Umbau ist eines der Prinzipien der REGIONALE. Damit wird eine flächensparende Entwicklung nach innen angestoßen, also die Fokussierung auf die Nachnutzung von Bestandsgebäuden. Das ist sinnvoll, weil dadurch Naherholungsgebiete, der Grundwasserhaushalt sowie Fauna und Flora geschont werden. Ein wesentlicher Punkt ist aber der Klimawandel. Wir wissen, dass ungefähr ein Drittel des Energieverbrauchs für Heizen und Kühlen im Wohnsektor und ein weiteres Drittel auf den Verkehrssektor entfallen. Wenn man sich mit Bestandsentwicklung und Transformation beschäftigt, sprechen wir also von mehr als 60 Prozent des Energieverbrauchs. Wenn es gelingt, in diesen Bereichen effiziente Strukturen zu etablieren, etwa durch eine Verbesserung des ÖPNV und den Einsatz energetischer Gebäudehüllen, ist das ein großer Beitrag für den Klimaschutz. Die REGIONALE hat hier die wichtige Aufgabe zu sensibilisieren und durch gute Beispiele zu zeigen, wie solch eine Entwicklung aussehen und Spaß machen könnte. Denn auch für Ingenieure, Architekten, Planer und Landschaftsarchitekten ist es viel spannender, mit diesen Transformationsaufgaben zu arbeiten, als nur auf der grünen Wiese.  

Sie kennen sowohl den wissenschaftlichen Diskurs zum Thema Transformation von Bestandsimmobilien als auch internationale Praxisbeispiele. Wie ist das Bergische RheinLand in diesem Kontext zu sehen und kann es hier eine Vorreiterrolle einnehmen?

Scholl: Ich glaube, dass es diese Vorreiterrolle übernehmen kann und zwar auch deshalb, weil man im Zusammenhang mit der Pandemie sieht, wie das Zusammenspiel im Gesamtgroßraum aussieht. Das Bergische RheinLand ist als Wohnstandort sehr attraktiv, auch vor dem Hintergrund des Klimawandels. Hier spielt der Projektraum mit seinem Wasser- und Ressourcenreichtum eine sehr wichtige Rolle. Aller Voraussicht nach wird der Siedlungsdruck auf diese Region steigen. Gleichzeitig werden wir nicht alle hochqualifizierten Arbeitsplätze aus der Rheinschiene ins Bergische RheinLand verlagern können. Das Thema Mobilität und Pendeln gewinnt daher an Bedeutung. Das könnte sich entschärfen, wenn es uns gelingt, einen Teil dieser Homeoffice-Entwicklung mitzunehmen und das Pendeln umweltfreundlicher zu gestalten, indem wir beispielsweise den ÖPNV stärken. Wenn der Raum das geschickt nutzt, kann er daraus einen Vorteil für sich entwickeln und in Zukunft noch attraktiver werden. Dafür braucht es sorgsame Planungen, um nicht von Touristen und Tagesausflüglern der Rheinschiene überlaufen zu werden. Die Schönheit des Raumes darf nicht „unter die Räder“ kommen, deshalb ist das Thema der Besucherlenkung von entscheidender Bedeutung. Insofern kann die REGIONALE mit ihrem Kernthema und dem dynamischen Wachstum im Raum eine Vorreiterrolle einnehmen: In der Region aber auch mit Signalwirkung nach außen.

Die REGIONALE 2025 hat es sich zur Aufgabe gemacht, konsequent Bestehendes nachzunutzen und dadurch Flächenverbrauch zu vermeiden. Welche Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, dass eine solche Strategie auf regionaler Maßstabsebene gelingt?

Dahlheimer: Aus meiner Sicht müssen hier drei wesentliche Komponenten zusammenkommen. Zum einen muss es eine stärkere Kooperation der Kommunen untereinander geben und zwar unter Moderation der REGIONALE. Zweitens braucht es ein Kataster der möglichen Flächen im Gesamtraum. Drittens müssen die Flächen auch verfügbar sein, entweder indem man sie ankauft oder entsprechende Verträge mit den Besitzern macht. Im nächsten Schritt muss die Nutzungsfrage geklärt sein: Soll hier Gewerbe entstehen oder Wohnbebauung ermöglicht werden? Das bedeutet aber auch, dass Verwaltungen in der Lage sein müssen, dafür die planungsrechtlichen Voraussetzungen zu schaffen. 

Scholl: Aktuell gibt es keine gesetzlichen Grundlagen. Das heißt, die REGIONALE muss das aus eigener Überzeugung auf die Beine stellen. Das ist schwierig und anspruchsvoll, weil Bauen und Planen auf der grünen Wiese einfacher ist als die Transformation von Bestehendem. Denn es geht bei Konversion nicht nur um die baulichen Hüllen und um die Gestaltung der öffentlichen Räume, sondern darum, durch kluge Eingriffe lebenswerte Räume zu schaffen, die in alle Richtungen ausstrahlen. Dafür müssen sich – und das sehe ich genauso wie Herr Dahlheimer – Grundstückseigentümer mit den Gemeindebehörden und der Politik zusammentun, gemeinsam Initiativen entwickeln, Prozesse aufsetzen und Synergien schaffen. Die REGIONALE hat die wunderbare Aufgabe, solche Initiativen zu fördern und konkrete Beispiele umzusetzen, die zeigen, dass trotz aller Randbedingungen Flächenverbrauch reduziert und Infrastruktur erneuert werden kann. Und zwar im Einklang mit ökonomischen und ökologischen Interessen. Natürlich ist das ein Stück weit auch der Schritt ins Unbekannte, den Projektträger mit Unterstützung der REGIONALE gehen.  

Mit welchen Themen und Zielen sollte die Fokussierung auf den Bestandsumbau verknüpft werden?

Scholl: Es gibt zwei Themen, die von außerordentlicher Bedeutung sind. Das eine ist die Aufwertung von öffentlichen Räumen. Menschen müssen rausgehen und sich draußen aufhalten können, auch in der Nähe der eigenen Wohnung. Viele Orte im Bergischen RheinLand haben sehr schöne Kerne, die es weiterzuentwickeln und zu erneuern gilt. Gerade in Zentrumslagen gibt es Bestandsreserven, die man schrittweise nutzen muss, etwa indem man soziale Infrastruktur und kulturelle Einrichtungen etabliert. Dazu zählen auch öffentliche Räume, die wir in den letzten Jahren und Jahrzenten mit Fahrzeugen zugestellt haben. Ein Großteil davon steht die meiste Zeit und wird nicht bewegt. Wenn wir diese Fahrzeuge dort wegbekommen, eröffnet das neue Möglichkeiten für die Nutzung dieser Flächen. Das bringt mich zum zweiten Thema: Der Ausbau des kollektiven, öffentlichen Verkehrs. Wir sehen, dass Jugendliche das Auto nicht mehr als Statussymbol betrachten und umweltbewusster denken. Gleichzeitig gibt es viele Ältere, die kein Auto mehr fahren wollen. Dieses Momentum muss man ausnutzen und einen attraktiven ÖPNV aufbauen, der diejenigen belohnt, die auf das Auto verzichten. Das können schnelle Zugverbindungen sein oder auch elektronische Busspuren, die es erlauben, am Stau vorbeizufahren. Die Digitalisierung ermöglicht es, das auch im kleinen Maßstab zu realisieren. Es wäre also eine schöne Aufgabe, im Rahmen der REGIONALE im Bergischen RheinLand innovative Beispiele für die bessere Nutzung des öffentlichen Raumes und eine Pilotstrecke für Busspuren auf die Reihe zu bringen, die das exemplarisch illustrieren. Damit würde das Landesstrukturprogramm einen deutlichen Impuls für Klimaschutz, Mobilität aber auch für die Innenstadtentwicklung setzen.       

Das Bergische RheinLand liegt in unmittelbarer Nähe zur Rheinschiene, besitzt aber auch die Vorteile des eher ländlich geprägten Raumes. Diese Lagegunst führt jedoch zu einem massiven Siedlungsdruck, vor allem in den westlich gelegenen Kommunen des Bergischen RheinLandes. Andererseits gibt es ein großes Wohnungsangebot in den östlichen Kommunen. Was bedeutet dieses Nebeneinander von Wachstum und vermeintlicher Stagnation bzw. moderater Schrumpfung für den Wohnungsmarkt im Bergischen RheinLand?

Dahlheimer: Ein Nebeneinander von Schrumpfen, Stagnation und Wachsen gibt es in vielen Regionen. Das lässt sich auch nicht immer vermeiden. Schrumpfen, Stagnation aber auch Wachstum bedürfen der situationsgerechten Gestaltung mit gezielten Interventionen. Trotzdem kann man nicht sofort kurzfristige Erfolge erwarten. Manchmal muss man durch solche Schrumpfungsprozesse auch länger durch, aber wirkliches Schrumpfen kennt das Bergische RheinLand nicht. Der Raum ist nicht vergleichbar mit dem britischen Kohlerevier, wo Städte wie Liverpool viele hunderttausende Einwohner verloren haben und trotzdem die Situation zum Positiven gedreht haben. Auch wenn es dafür zwei Jahrzehnte gebraucht hat. Man darf nicht vergessen: Die Digitalisierung ermöglicht viel mehr Menschen von zuhause aus zu arbeiten. Das wird durch die Corona-Pandemie massiv zunehmen. Dadurch steigt das Bedürfnis nach Gemeinschaft und macht den Wohnort unabhängiger vom Firmensitz. Wenn man nur noch zweimal pro Woche nach Köln oder Bonn fahren muss, dann wird die „zweite oder auch dritte Reihe“ mit dem günstigeren Mietpreisniveau plötzlich interessant. Vorausgesetzt, das Umfeld und das Angebot vor Ort ist attraktiv. Das ist wichtig, denn in einen Ort mit viel Leerstand und ungepflegten Straßen zieht niemand, selbst wenn die Miete günstig ist. Ein gutes Beispiel im Projektraum ist Gummersbach. Die Stadt kämpfte mit schrumpfenden Einwohnerzahlen und viel Leerstand. Im Rahmen der REGIONALE 2010 wurde auf dem Steinmüller-Gelände eine Zweigstelle der TH Köln, neuer Wohnungsbau und ein breites Sport- und Freizeitangebot angesiedelt. Die Politik und das Land konnten für die Idee begeistert werden. Heute wächst die Hochschule, es gibt ein Studentenwohnheim und junge Menschen beleben die Stadt. Das zeigt: Es gibt überall Möglichkeiten, aber die Lösungen müssen individuell für jede Stadt, jede Kommune getroffen werden.  

Wie muss sich der Wohnungsmarkt perspektivisch entwickeln und welche Angebote müssen geschaffen werden?

Dahlheimer: Um junge Menschen im Raum zu halten oder zu gewinnen, braucht das Bergische RheinLand mehr bezahlbare Mietwohnungen. Möglichst an integrierten Standorten, um kurze Wege zu den Einrichtungen des täglichen Bedarfs zu ermöglichen. Für das Bergische RheinLand bedeutet das einen Paradigmenwechsel in der Siedlungsentwicklung der Kreise, Städte und Gemeinden. Es geht im ländlichen Raum nicht ausschließlich darum, zu einigermaßen günstigen Preisen Eigentum zu erwerben. Vielmehr braucht es attraktive Mietangebote auch in der „zweiten Reihe“, denn nicht jeder junge Mensch will sich ewig an einen Standort binden. Dazu müssen die Kommunen den Dialog mit den eigenen Wohnungsgesellschaften und Unternehmen, aber auch mit Investoren führen, die bereit sind, im eher ländlich geprägten Raum zu investieren. Das ist kein Selbstläufer, da in diesem Bereich die Mieten geringer ausfallen. Städte und Kommunen können und müssen an dieser Stelle durchaus unterstützen, aber es ist eine lohnende Investition in die Zukunft des Bergischen RheinLandes.

Herr Prof. Dr. Scholl und Herr Dahlheimer, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

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