Von der Bankfiliale zum digitalen Tante-Emma-Laden

Für kleine Kommunen ist der Ortskern oftmals Mittelpunkt des dörflichen Lebens. Hier wird eingekauft, gefeiert, sich getroffen und ausgetauscht. Vor diesem Hintergrund ist eine funktionierende und belebte Ortsmitte wichtig für das gesellschaftliche und soziale Miteinander. So auch in Windeck-Leuscheid, wo engagierte Bürger*innen ein leerstehendes Ladenlokal zu einem multifunktionalen Begegnungsort umbauen und dafür eine Genossenschaft gegründet haben. 

Der Windecker Ort Leuscheid liegt ganz im Südosten des Rhein-Sieg-Kreises. Rund 1.000 Einwohner*innen leben hier in ländlich geprägter Umgebung, nur ein paar Kilometer entfernt verläuft die Grenze zu Rheinland-Pfalz. Leuscheid ist ein Anziehungspunkt für die Menschen aus den umliegenden Ortschaften, denn es gibt hier Geschäfte und Einzelhändler. Aber das Nahversorgungsangebot wurde in den vergangenen Jahren immer kleiner. Weil die Besitzer der jeweiligen Betriebe beim Renteneintritt oft keine Nachfolger fanden, machten die Geschäfte zu: die Bäckerei, die Einzelhändler, der Getränkemarkt.

Dorfladen sichert Lebensqualität
Eine innovative Lösung suchte man auch in Leuscheid, denn die Einwohner*innen litten unter dem zunehmenden Geschäftsleerstand und fehlenden Treffpunkten. Was passiert, wenn solche Strukturen vor Ort nicht mehr vorhanden sind, kannten die Leuscheider bereits von den umliegenden Orten. „Die Bewohner*innen müssen immer ins Auto steigen, um zur Post, zum Supermarkt oder zum nächsten Getränkemarkt zu kommen. Die Frage war: Was können wir machen, damit es uns nicht so ergeht?“, sagt Jürgen Gansauer. Der gebürtige Saaler und einige Mitstreiter kamen 2018 auf die Idee, einen eigenen Dorfladen zu eröffnen. Gemeinsam mit der Gemeinde Windeck gründeten sie im Dezember 2020 die Genossenschaft „Dorfzentrum Leuscheider Land e.G.“, deren Vorstandsmitglied Jürgen Gansauer ist. Das lag nahe, weil das nur wenige Kilometer entfernte Weyerbusch einst Wirkungsstätte von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, dem Initiator der Genossenschaftsbewegung, war. Neben dem Rhein-Sieg-Kreis und der Gemeinde unterstützte auch die REGIONALE 2025 Agentur das Vorhaben: Im November 2020 wurde das Projekt Dorfzentrum Leuscheider Land in den Qualifizierungsprozess des Landesstrukturprogramms aufgenommen, im März 2021 erhielt das Vorhaben den A-Status und damit grünes Licht für die Umsetzung. Außerdem wird das Projekt aus dem Dorferneuerungsprogramm 2021 des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.

Beispiele, dass genossenschaftlich betriebene Dorfläden funktionieren und die Dorfgemeinschaft stärken, finden sich bereits an anderer Stelle im Bergischen RheinLand, etwa in Wipperfürth mit dem Dorfladen Thier oder in Reichshof mit dem Eckenhääner Lädchen. Das genossenschaftliche Modell ist Gansauer seit seiner Kindheit vertraut: Vater Willi war in der Elektrizitätsgenossenschaft und im Ort ehrenamtlich engagiert. Auch Jürgen Gansauer ist mit Leuscheid fest verwurzelt, er ist in diversen Vereinen tätig und Ratsmitglied. „Ein reges Dorfleben ist der Grundpfeiler für eine intakte Gemeinschaft. Wenn man nichts tut, dann geht die Lebensqualität verloren. Wir wollen deshalb die Möglichkeiten vor Ort nutzen und mit dem Dorfzentrum einen Anlaufpunkt schaffen, der auch die Grundversorgung sicherstellt“, erklärt Gansauer seine Motivation. Mittlerweile hat die Genossenschaft in Leuscheid rund 100 Mitglieder. Getreu dem Raiffeisen-Motto „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele“ haben sie alle mit kleineren Einlagen in die Genossenschaft investiert und sind damit Mitbesitzer des Dorfladens.

Regional und nachhaltig einkaufen
Ursprünglich war geplant, das letzte bestehende Lebensmittelgeschäft zu übernehmen, aber aus Kostengründen wurde aus der Umnutzung des 140 m2 großen Ladens nichts. Stattdessen konnte die Genossenschaft die alte Volksbankfiliale in der Saaler Straße mieten. Auch das ist ganz im Sinne der REGIONALE, die in ihrem Handlungsfeld Wohnen und Leben die kluge Nachnutzungen von Beständen forciert. Seit 2022 wird das Bestandsgebäude zum Dorfzentrum umgebaut und mit neuem Leben gefüllt. Auf 80 m2 entsteht aktuell mitten im Ortskern der LandMarkt Leuscheid, der überwiegend regional erzeugte Lebensmittel anbieten wird. Dafür kooperiert die Genossenschaft beispielsweise mit der Bäckerei und der Fleischerei im Ort, die Wurstwaren liefert. 800 Produkte sollen zunächst angeboten und das Sortiment saisonal angepasst werden. Auch die Lücke, die der Getränkemarkt hinterlassen hat, wird mit dem Dorfladen teilweise geschlossen.

In Planung ist zudem, die 1.200 m2 große Wiese direkt gegenüber dem Laden für den Anbau von Gemüse und Obst zu nutzen. Somit könnte der Dorfladen perspektivisch selbst angebautes Gemüse wie Salat, Blumenkohl direkt ernten und verkaufen. Angedacht ist zudem, örtliche Schulen und Kitas einzubinden, damit Kinder und Jugendliche selbst ihr Gemüse ziehen können und eine neue Wertschätzung für Lebensmittel bekommen. Bei entsprechender wirtschaftlicher Entwicklung hofft Gansauer mittelfristig auch eine Ausbildungsstelle einzurichten, um Jugendlichen aus der Gemeinde eine Berufsperspektive bieten zu können. Auch Menschen mit Behinderung sollen im Dorfladen eine Beschäftigung finden.

Einkaufen rund um die Uhr
Der Dorfladen soll im März 2023 eröffnen und mit einer Vollzeit- und einer Teilzeitkraft acht Stunden pro Tag betrieben werden. Gleichzeitig soll Einkaufen mit Hilfe von digitalen Lösungen auch rund um die Uhr möglich sein. „Damit verdreifachen wir die Einkaufsmöglichkeit, ohne dass die Betriebskosten wesentlich höher wären“, sagt Gansauer.  Die Angebote des Dorfzentrums sollen darüber hinaus digital koordiniert werden und abrufbar sein. Auch Online-Bestellungen sollen möglich sein.  Zudem wollen Gansauer und sein Team einen Lieferservice anbieten, um auch mobilitätseingeschränkten Bürger*innen eine Versorgung zu ermöglichen. Der Dorfladen leistet nicht nur einen wesentlichen Beitrag zur lokalen Daseinsvorsorge, sondern erfüllt eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe als Treffpunkt. Denn ein Teil des Ladens wird als Café genutzt, in dem sich Besucher*innen gemütlich austauschen können. Außerdem sollen in einem separaten Raum ein sowohl professionell als auch ehrenamtlich betriebenes Beratungsangebot aufgebaut werden. Mögliche Themenbereiche sind Sozial- sowie Integrationsberatungen, medizinische Pflege- und Gesundheitsberatungen sowie Bürgersprechstunden. Hinzu kommt, dass die Menschen vor Ort weiter Bargeld abheben können, da die Volksbank als Untermieterin der Genossenschaft den Bankautomaten weiter betreibt.

Dorfladen ist Knotenpunkt öffentlichen Lebens
Mit seinen vielfältigen Angeboten und Funktionen passt das Dorfzentrum Leuscheider Land zu den Zielsetzungen der REGIONALE 2025. Für die Leuscheider ist der Dorfladen ein Invest in das Gemeinwohl und die Zukunft des Ortes, das ohne die Unterstützung der REGIONALE 2025 jedoch nicht umsetzbar gewesen wäre. Hervorzuheben ist die beispielhafte Zusammenarbeit von Ehrenamt und Gemeindeverwaltung. Vor diesem Hintergrund besitzt das Projekt Vorbildcharakter, das auch andernorts zu ähnlichen Projekten inspirieren soll, um die Aufenthaltsqualität in ihren Ortskernen zu verbessern und das bürgerschaftliche Engagement zu stärken. Denn so wie Leuscheid ergeht es teilweise vielen Gemeinden im Bergischen RheinLand. Hier setzt die REGIONALE 2025 mit ihrem Kernthema Konversion/Weiterentwicklung der Bestände an. Mit klugen Projekten soll eine Nachnutzung für Immobilienobjekte und Flächen entwickelt werden.

Zu den Zielen der REGIONALE gehört auch, die Ortskerne zukunftsfähig aufzustellen und Treffpunkte für die Bevölkerung zu schaffen. Im Fokus steht dabei die Stärkung der Daseinsvorsorge und die Verknüpfung mehrerer Funktionen. Damit das Dorfleben intakt bleibt oder wieder angekurbelt wird. Dafür hat die REGIONALE 2025 den Aktivierungs- und Transferprozess „Knotenpunkte des öffentlichen Lebens“ gestartet. In dessen Rahmen sollen weitere Pilotprojekte und innovative Lösungen speziell für die Ortsmitten gefunden und ausprobiert werden – und zwar an der Schnittstelle zwischen Ehrenamt, öffentlichen Institutionen und Wirtschaft sowie im Hinblick auf Finanzierung, langfristige Trägerschaft und Betrieb.

Veranstaltungsreihe
Wie schafft man Orte für das Dorf, die verschiedene Angebote bündeln und die Gemeinschaft stärken? Informationen dazu bekommen Sie in einer Veranstaltungsreihe der REGIONALE 2025, die im Februar 2023 beginnt. Anmeldungen unter: www.regionale2025.de/knotenpunkte 

Mehr Informationen zum REGIONALE-Projekt Dorfzentrum Leuscheider Land finden Sie hier.


„Ohne Nahversorgung stirbt das dörfliche Leben aus“

Interview Jürgen Gansauer Leuscheid Dorfzentrum
Fotonachweis: REGIONALE 2025 Agentur

Jürgen Gansauer, Vorstandsmitglied Genossenschaft „Dorfzentrum Leuscheider Land e.G.“ spricht im Interview mit der REGIONALE 2025 Agentur über die Bedeutung des Dorfladens für Leuscheid und die Chancen einer genossenschaftlichen Organisationsform.  

Wieso setzen Sie Ihre Idee als REGIONALE-Projekt um?
Wir sind REGIONALE-Projekt geworden, weil wir ohne die Unterstützung der kommunalpolitischen Seite unserer Bürgermeisterin und auch der REGIONALE 2025 Agentur dieses Projekt nie hätten verwirklichen können.  

Wie funktioniert die genossenschaftliche Organisation?
Wir haben die Organisationsform der Genossenschaft gewählt, um den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zu geben, sich mit einer Geldeinlage zu beteiligen. Dadurch stärkt sich auch der Rückhalt für das Projekt, denn man kauft in seinem eigenen Laden ein. Die weitere Möglichkeit, die die Genossenschaft bietet: Alle Genossen haben die Möglichkeit, sich in einer ehrenamtlichen Funktion einzubringen, damit wir unser Angebot, das wir den Bürgern bieten wollen, vergrößern und ausbauen können.  

Was erhoffen Sie sich mit dem Dorfladen für das Dorfleben?
Unser Ziel für das Dorfleben ist, es zu erhalten. In den Ortschaften, in denen keine Läden für die Grund- und Nahversorgung vorhanden sind, stirbt auf Dauer das dörfliche Leben aus. An genau diesem Punkt sind wir hier in Leuscheid. Mit dem Dorfzentrum erschaffen wir einen Mittelpunkt, an dem sich die Leute treffen können. Wir haben dann einen sozialen Treffpunkt, wir haben dann aber eben auch die Möglichkeit, die Nahversorgung darzustellen. In der heutigen Zeit ist die Mobilität bei einigen Personen auf dem Land sehr stark eingeschränkt und durch unseren Lieferdienst werden wir das ausgleichen können.  

Was hat die Arbeit am Projekt im Ort schon bewirkt?
Die Arbeit am Projekt hat den vorhandenen Gemeinsinn weiter verstärkt. Es gibt viele Interessierte, die sich vor allen Dingen darauf freuen, wenn sie in Zukunft wieder in unserem Ort einkaufen können.  

Warum ein genossenschaftlich organisiertes Dorfzentrum für Leuscheid?
Für kleine Dörfer wie Leuscheid ist es kaum noch möglich einen Betreiber zu finden, der einen Laden aus wirtschaftlichen Gründen betreiben kann und möchte. Daher haben wir uns überlegt, wie wir die Bevölkerung einbinden können. Letzten Endes sind wir wieder bei der Genossenschaft gelandet. Die Genossenschaft bietet wie keine andere Organisationsform die Möglichkeit, auch mit kleineren Einlagen an einem Projekt beteiligt zu sein und das Projekt so zum eigenen Projekt zu machen.  

Herr Gansauer, vielen Dank für das Gespräch.

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